Heparin nach Knie-Arthroskopie und bei Unterschenkel-Gips offenbar ohne Schutzwirkung vor Thrombosen!

Bisher bekommen Patienten leitliniengerecht nach Knie-Arthroskopie und Unterschenkel-Gips Heparin subkutan injiziert, um Thrombosen zu verhindern. Offenbar ist dies jedoch nutzlos. In einer umfangreichen holländischen Studie zeigte sich jetzt weder nach Knie-Arthroskopie (0,7% Thrombosen vs. 0,3% ohne Heparin) noch bei Unterschenkel-Gips-Patienten (1,4% vs. 1,8%) ein signifikante Schutzwirkung! Wie sich dieses Ergebnis auf zukünftige Updates der Leitlinien auswirken, bleibt abzuwarten. Aber es ist ein schönes Beispiel dafür, dass nicht alles was man in der Medizin als unverrückbare Wahrheit annimmt der wissenschaftlichen Prüfung auch standhält. (Quelle N Engl J Med 2016 NEJMoa1613303)

 

Vitamin D-Hype greift um sich!

Es vergeht derzeit keine Praxiswoche, in der es nicht zu Diskussionen um die neue Modekrankheit „Vitamin-D-Mangel“ kommt. Dazu sei darauf verwiesen, dass die Sonnenstrahlung im Winter zumindest in Norddeutschland tatsächlich nicht ausreicht, um den Vitamin-D-Spiegel stabil zu halten, d.h. bei allen von uns sinkt im Winter der Spiegel, erreicht im Frühjahr sein Minimum, um dann wieder anzusteigen. Hierfür bedarf es keinerlei Messung! Das ist der normale Verlauf. Ein Screening ist völlig unnötig. Wer diesem Abfall entgegen wirken möchte, sollte sich ausreichend im Freien aufhalten und kann seine Ernährung um Vitamin D ergänzen. Dabei sollten hohen Dosen vermieden werden, die leider aktuell von vielen empfohlen werden. Eine gleichmäßige Gabe niedriger Dosen ist vorzuziehen. Studien zeigen, dass man damit das Sturzrisiko bei über 70jährigen Heimbewohnern reduzieren kann. Zudem sei der Hinweis erlaubt, dass Vitamin D nur wirken kann, wenn man dem Körper ausreichend Calcium mit der Nahrung zuführt! Im Internet finden sie zahlreiche „Kalziumrechner“ mit denen sie selber ermitteln können, ob sie genügend Calcium zu sich nehmen (z.B. https://www.rheumaliga.ch/calciumrechner) (Quelle: Der Allgemeinarzt, 1/17, E. Baum, 14-16)

Sonnencreme hilft nicht gegen Melanome!?

Der Einsatz von Sonnencreme wird zum Schutz vor Hautkrebs empfohlen. In einer prospektiven Studie wurden Eltern zur Sonnenexposition ihrer Kinder und der Anwendung von Sonnencreme befragt und dies im Alter von 15 Jahren mit der Anzahl an Muttermalen (Nävi) verglichen. Dabei konnte keine Schutzwirkung durch die Anwendung von Sonnencreme belegt werden (Quelle: https://www.apha.org/annualmeeting). Die Autoren empfehlen daher ergänzende Maßnahmen wie das Tragen von Hüten oder UV-Schutzkleidung. Kritisch möchte ich anmerken, dass es sich um Selbstauskünfte der Eltern handelt. Zudem wird Sonnencreme oft zu dünn aufgetragen! Der angegebene Lichtschutzfaktor (LSF) wird erst bei einer Menge von 2 mg/cm2 Hautoberfläche erreicht. Studien zeigen, dass diese Menge, etwa 3 Esslöffel voll für einen Erwachsenen, oft nicht angewendet wird! Tipp: Lieber eine Creme mit angemessenen LSF 2x korrekt auftragen, als eine teure mit höheren LSF nur einmal dünn!

Herztod-Risiko steigt nach Diäten mit Jojo-Effekt!

 

In einer US-amerikanischen Beobachtungsstudie zeigte sich ein erheblich erhöhtes Risiko für plötzlichen Herztod (3,5fach) aber auch für koronare Herzerkrankungen (1,66fach), wenn postmenopausale Frauen wiederholt starke Gewichtsschwankungen aufwiesen. Interessanterweise traf das nicht auf Frauen zu, die an Gewicht zunahmen, ohne es wieder zu verlieren und die Frauen, die nach Diät ihr niedriges Gewicht halten konnten. In der Studie wurden 158.000 Frauen für gut 11 Jahre beobachtet. (Quelle AHA Kongress, New Orleans, Nov. 2016)

Helfen Knorpelnährstoffe wie Chondroitin oder Glucosamin bei Kniearthrose?

Oft fragen Patienten, ob sie ihr Geld für Knorpelnährstoffe ausgeben sollen, um ihre Kniebeschwerden zu lindern. In der Zeitschrift für Allgemeinmedizin hat Anna Vögele vom EBM-Team nun die aktuelle Literatur gesichtet. In Frage kommen Präparate aus Chondroitin, aus Glucosamin und Kombinationen aus beidem. Für Chondroitin gibt es Studien zur Kniegelenksarthrose, aber auch zur Hüft- oder Handgelenksarthrose. Verglichen mit Plazebo kommt es zu einer leichten, aber immerhin signifikanten Linderung der Schmerzen bei einer Therapiedauer bis 6 Monaten. Für eine Dauer länger als 6 Monate lässt sich kein signifikanter Effekt mehr zeigen. Nebenwirkungen sind selten. Auch Kombinationspräparate zeigen einen leichten Effekt auf Schmerzen. Für Glucosamin sind die Daten uneinheitlicher. In den wissenschaftlich anspruchsvollen Studien zeigt sich eher kein Effekt auf Schmerzen verglichen mit Plazebo, wohl aber für Funktionseinschränkungen. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass Chondroitin allein oder in Kombination mit Glucosamin einen gewissen schmerzlindernden Effekt auf Gelenkschmerzen und Funktionseinschränkungen habe, zumindest bei einer Einnahmedauer bis 6 Monate. Und da die Nebenwirkungen gering sind, spricht also wenig gegen einen Therapieversuch. Die Autorin gibt zu bedenken, dass Glucosamin aus Muscheln und Krustentieren gewonnen wird. Daher sollten Menschen mit Allergien hierauf, auf diese Präparate verzichten. (Quelle ZFA 2016, 92: 487-9)

Rauchen ist gefährlich – auch wenn Sie nur wenig rauchen!

Eine US-Studie, in der 290.000 Teilnehmern zu ihren Rauchgewohnheiten befragt und 6 Jahre lang nachbeobachtet wurden, zeigt jetzt, dass auch das Rauchen von nur 1 Zigarette am Tag das Sterberisiko bereits am 64% verglichen mit Nichtrauchern erhöht. Bei 1-10 Zigaretten pro Tag war das Risiko um 87% höher. Es gibt demnach kein risikofreies Rauchen! (Quelle: Jama Intern Med doi: 10.1001/jamainternmed.2016.7511)

Choosing wisely!

Die US-amerikanische Initiative gegen Überversorgung kommt langsam auch in Deutschland an: Zu viele Röntgenbilder beim unkomplizierten Rückenschmerz, zu viele Herzkatheter mit Stentimplantationen, zu viele Steroide bei COPD, …, die Liste der Überversorgung ist lang. Oft entsteht dies aus Sorge von Ärzten, die Patienten nicht optimal zu versorgen, oft auch weil Patienten auf Maßnahmen bestehen. Die Dt. Gesellschaft für Innere Medizin hat kürzlich 10 wichtige Beispiele an Überversorgung zusammengestellt. Hier einige „Highlights“ auch für den hausärztlichen Bereich: „Keine Bildgebung in den ersten 6 Wochen bei akuten Kreuzschmerzen“, „keine Antibiotika bei akuter Bronchitis“, „Keine Protonenpumpeninhibitoren zum „Magenschutz“ bei Nicht-Risiko-Patienten“, „Keine Tests auf Borrelien oder Chlamydien bei Patienten mit unspezifischen Beschwerden“, „keine Antibiotika bei asymptomatischer Bakteriurie“, „keine Vorsorge-Koloskopie in kürzeren Intervallen als 10 Jahre bei Patienten ohne erhöhtes Risiko“. Wer sich hier einlesen möchte kann dies unter http://www.choosingwisely.org im Netz tun.

Nahrungsergänzungsmittel schützen nicht vor Demenz!

In einer randomisierten Kontroll-Studie über 5 Jahre haben Forscher untersucht, ob Nahrungsergänzungsmittel einen positiven Effekt auf die kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen haben. In der AREDDS2 Studie erhielten 2991 ältere Menschen in der USA Nahrungsergänzungsmittel wie Omega-3-Fettsäuren, Vitaminkomplexe mit Vitamin C, E, Beta-Carotin sowie Zink. Keiner dieser Zusatzstoffe führte in Studie zu einer messbaren Verbesserung der Kognition. (Quelle http://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2429713).

Säureblocker begünstigen möglicherweise die Demenz!

Forscher vom Deutschen Zentrum für degenerative Erkrankungen in Bonn haben in einer Kohortenstudie einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von sog. Protonenpumpeninhibitoren (PPI) wie Omeprazol, Pantozol etc. und der Entwicklung einer Demenz gefunden. So stieg das Risiko um 44% verglichen mit Patienten ohne diese Medikamente. Der genaue Mechanismus ist bislang unklar und prospektive Studien müssen jetzt diese Beobachtung erst erhärten. Die selbe Forschergruppe hatte schon 2015 gezeigt, dass Schlafmittel vom Valium-Typ auch vermehrt zu Demenz führen. Bevor Sie jetzt diese Medikamente aus Sorge vor Nebenwirkungen einfach absetzen, nehmen Sie bitte erst Rücksprache mit ihrem Hausarzt! (Quelle http://jamanetwork.com/journals/jamaneurology/article-abstract/2487379)

Krebszahlen steigen deutlich!

Verglichen mit 2005 haben sich die Zahlen der Krebsneuerkrankungen im Jahr 2015 um 33% erhöht. Gründe hierfür seien laut der Global Burden of Disease Cancer Collaboration vor allem das steigende durchschnittliche Lebensalter und die dadurch bedingte Zunahme altersbedingter Tumorarten. Die Lebenszeit-Krebswahrscheinlichkeit für Männer beträgt demnach 1:3, die von Frauen 1:4. Bevor sie jetzt in Panik verfallen: Viele Krebs-Diagnosen werden durch Vorsorge-Programm wie dem Mammographie-Screening bereits im Frühstadium gestellt und können oft geheilt werden. Und es werden viele Tumore in sehr frühen Stadien entdeckt, die zeitlebens nie ein Problem bereitet hätten (Jama Oncology 2016 und RKI-Krebsbericht).